Beschlossen auf der Bundeskonferenz am 15. Novembert 2025
In Österreich herrscht ein akuter Gesundheitsnotstand für trans*, nicht-binäre und inter* Menschen. Der Zugang zu medizinischer Versorgung, psychologischer Unterstützung und geschlechtsangleichenden Maßnahmen ist durch strukturelle Hürden, lange Wartezeiten und einen Mangel an qualifizierten Fachkräften massiv eingeschränkt. Wartezeiten für geschlechtsangleichende Maßnahmen haben in Österreich ein dramatisches Ausmaß von bis zu fünf Jahren erreicht.
Diese Zustände widersprechen den Grundsätzen der Menschenwürde, des Diskriminierungsschutzes und des Menschenrechtes auf Gesundheit, wie sie in der österreichischen Bundesverfassung, der Europäischen Menschenrechtskonvention (EMRK) sowie den Empfehlungen der Weltgesundheitsorganisation (WHO) verankert sind. Darüber hinaus trägt der rechtsextreme Kulturkampf, ausgehend von den USA, immer stärker dazu bei, dass trans*, nicht-binäre und inter* Personen zunehmend gesellschaftspolitisch zur Zielscheibe werden und damit strukturelle und gesellschaftliche Barrieren beim Zugang zu adäquater Gesundheitsversorgung verfestigt werden.
Zwar konnten aufgrund des Drucks von NGOs, Aktivist*innen und politischen Kräften wie der SoHo punktuelle Verbesserungen in der medizinischen Versorgung erreicht werden, allerdings sind diese Maßnahmen leider höchstens ein Tropfen auf dem heißen Stein. Es ist dringend notwendig, dass diese massive Unterversorgungskrise strukturell anerkannt und umfassend bearbeitet wird, um jedem Menschen in Österreich – unabhängig von Geschlechtsidentität, Geschlechtsausdruck und Geschlechtsmerkmalen – einen sicheren und selbstbestimmten Zugang zur notwendigen Gesundheitsversorgung zu garantieren!
Wie dringend ein umfassender Plan notwendig ist, zeigen zahlreiche nationale und internationale Studien, Erhebungen der Europäischen Menschenrechtsagentur (FRA), Berichte von Selbstvertretungsgruppen und -organisationen, sowie eine aktuelle Umfrage der SoHo Österreich zu den erlebten Diskriminierungen von trans*, nicht-binären und inter* Personen im österreichischen Gesundheitssystem. Deren Ergebnisse waren erschütternd. Bereits simple Hausarztbesuche können für Betroffene aufgrund von mangelndem Fachwissen, Unsicherheiten der Mediziner*innen oder offener Diskriminierung durch das Gesundheitspersonal zur Tortur werden. Spezifisch notwendige Behandlungen werden oftmals sogar verweigert, in vielen Fällen führen die erlebten Diskriminierungen aber auch zum Abbruch von Behandlungen und damit zur
Errichtung von Barrieren rund um das Gesundheitssystem. Viele Ärzt*innen und
Therapeut*innen verfügen nur über unzureichendes Wissen über trans*spezifische Gesundheitsbedürfnisse. Häufig werden Patient*innen mit Unverständnis, Misgendering oder offener Ablehnung konfrontiert. Diese Umstände und die langanhaltenden Wartezeiten sind nicht hinnehmbar.
Die SoHo Österreich reagiert auf diesen Gesundheitsnotstand und hat ein Forderungspaket erarbeitet, um die Situation kurzfristig zu entschärfen und mittel- bis langfristig grundlegend zu verändern. Denn nur wenn wir sofort Maßnahmen ergreifen, können wir das Leben von trans*, inter* und nicht binären Menschen spürbar besser machen und für echte Sicherheit und Selbstbestimmung sorgen! Mit der Umsetzung dieser Maßnahmen soll die gesundheitliche und gesellschaftliche Situation von trans*, inter* und nichtbinären Menschen nachhaltig verbessert, die Diskriminierung im Gesundheitssystem beendet und der Schutz der Menschenrechte in Österreich
gestärkt werden.
Die Bundeskonferenz der SoHo Österreich fordert daher:
Kurzfristige Maßnahmen: Sofortige Entlastung, Anerkennung und Schutz!
- Die Republik Österreich muss den derzeitigen Zustand der medizinischen und psychologischen Versorgung für trans* Personen als Gesundheitsnotstand anerkennen und wirksame Gegenmaßnahmen einleiten. Statt dem aktuellen Kulturkampf gegen LGBTIQ+ und insbesondere trans* Rechte muss der Fokus auf der tatsächlichen Lebensrealität von Betroffenen und den vielfältigen Hindernissen im Gesundheitssystem liegen!
- Die Einrichtung einer nationalen Koordinationsstelle für trans*inklusive Gesundheitsversorgung, die Betroffene, Fachleute und zuständige Stellen der öffentlichen Verwaltung vernetzt.
- Evaluierung und Weiterentwicklung der derzeitig gültigen Richtlinien für die Kostenübernahme trans*spezifischer Gesundheitsleistungen durch die Sozialversicherungsträger, um sicherzustellen, dass medizinisch notwendige Behandlungen sowohl im In- als auch im EU-Ausland und im privaten Sektor übernommen werden, um unerträglich lange Wartezeiten auf dem Rücken der Betroffenen zu vermeiden.
- Akutmaßnahmen zur Senkung der Wartezeiten: Durch zusätzliche Vertragsärzt*innen, Kooperation mit bestehenden Ambulanzen und digitale Beratungsmöglichkeiten soll eine schnellere und zuverlässigere Behandlung garantiert werden.
- Ausreichende Finanzierung von Krisen- und Suizidprävention, gezielt für trans*, inter* und nichtbinäre Menschen, inklusive Notrufstellen, Krisentelefonen und Peer-Support
- Verpflichtende Sensibilisierungs- und Fortbildungskurse für medizinisches Personal in öffentlichen Einrichtungen.
Mittelfristige Maßnahmen: Strukturelle Absicherung und Entpathologisierung
- Schaffung eines flächendeckenden Versorgungsnetzes für trans*spezifische Gesundheitsleistungen in allen Bundesländern – nach dem Vorbild von Wien, aber nicht wie bisher nur in der Bundeshauptstadt
- Erarbeitung eines Nationalen Gesundheitsplans für trans*, nicht-binäre und intergeschlechtliche Menschen unter Einbeziehung der Zivilgesellschaft
- Schaffung einer unabhängigen Beschwerdestelle für Betroffene von Diskriminierung im Gesundheitswesen mit klaren Sanktionsmöglichkeiten gegen diskriminierendes Verhalten
- Verankerung von trans*Gesundheit in Aus- und Weiterbildung aller Gesundheitsberufe (Medizin, Pflege, Psychologie, Soziale Arbeit etc.)
- Erarbeitung von trans*inklusiven Leitlinien in allen Bereichen der medizinischen Versorgung – von Hausärzt*innen über Krankenhäuser bis hin zu Reha- und Pflegeeinrichtungen.
- Ausbau von Forschungsprojekten zu trans*spezifischer Medizin, psychischer Gesundheit und queerer Versorgungsrealität in Österreich.
- Finanzielle Absicherung und Langzeitförderung von Community-Einrichtungen, Beratungsstellen und Peer-Angeboten.
- Erhebung und Veröffentlichung von Daten zur Diskriminierung im Gesundheitswesen, um Missstände sichtbar zu machen und gezielt zu bekämpfen.
- Bundesweite Aufklärungskampagne, um Diskriminierung im Gesundheitswesen und in der Gesellschaft abzubauen.
- Einbindung von Betroffenenorganisationen in die Gestaltung von Gesundheits- und Ausbildungspolitik.
Langfristige und zukunftsweisende Maßnahmen: Nachhaltige
Gleichstellung und gesellschaftlicher Wandel
- Vollständige Integration von trans*Gesundheit in das öffentliche Gesundheitswesen – gleiche Standards, gleiche Verfügbarkeit, gleiche Würde.
- Etablierung einer nicht-pathologisierenden, rein personenzentrierten, selbstbestimmten Gesundheitsversorgung.
- Rechtliche Gleichstellung in allen Bereichen – Gesundheit, Arbeit, Bildung, Familie und Altersversorgung.
- Aufbau eines nationalen Kompetenzzentrums für geschlechtliche Vielfalt und Inklusion, das Forschung, Bildung und Politik verknüpft.
- Gesellschaftlicher Kulturwandel durch langfristige Bildungs- und Medienarbeit: trans*, inter* und nicht-binäre Menschen müssen selbstverständlich respektiert, sichtbar und sicher leben können!
Mit diesen Maßnahmen wollen wir ein Gesundheitssystem schaffen, das niemanden wegen der Geschlechtsidentität durchfallen lässt. Jede trans*, inter* und nicht-binäre Person muss kurzfristig Zugang zu medizinischer und psychischer Unterstützung bekommen – ohne Stigmatisierung oder Hürden. Wir müssen Strukturen schaffen, die trans*Gesundheit nicht als Ausnahme, sondern als selbstverständlichen Teil des öffentlichen Gesundheitssystems begreifen! Wir wollen in einem Land leben, in dem trans* Personen nicht um ihre Existenz kämpfen müssen sondern in dem die Gesundheit, Würde und Gleichberechtigung für alle Menschen selbstverständlich sind!
Aufbauend auf diesen Antrag soll ein eigener Arbeitskreis zum Thema trans* Gesundheit detaillierte Positionen erarbeiten und unter Einbindung der Zivilgesellschaft, von Expert*innen und Selbstvertretungsorganisationen ein Forderungsprogramm erarbeiten, das auch der SPÖ und den relevanten Organisationen der Sozialdemokratie zur Beschlussfassung übermittelt werden soll.


